Essstörungen bei Jugendlichen Flashcards Preview

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Flashcards in Essstörungen bei Jugendlichen Deck (21):
1

Definition Essstörung


Auffälligkeit des Essverhaltens steht im Vordergrund
die Störung führt zu einer deutlichen psychosozialen oder körperlichen Beeinträchtigung
die Störung kann nicht besser durch eine andere definierte Krankheitseinheit erklärt werden
—> Die Diagnose darf nicht ausschliesslich durch eine Auffälligkeit des Gewichts begründet werden

Anorexie
Bulimie
Atypische Essstörungen / EDNOS ( Eating Disorders Not Otherwise Specified)
Binge Eating Disorder
Adipositas: ist von der Nomenklatur her keine Essstörung, von den sozialen Auswirkungen her gehört sie aber zu den Essstörungen mit gestörtem Essverhalten

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Essstörungen in der CH

3.5% leiden mindestens einmal in ihrem Leben an einer Essstörung
Durchschnitt Europa: 2.5%; D und NL: 1-2%, F: 4.15%, I: 3.35%
Bulimie: 1.7% (Europa: 0.5%)
Frauen sind mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer
Häufigkeitsgipfel zwischen 30-40 Jahre

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Anorexie - Epidemiologie

ca. 1% der Jugendlichen und jungen Frauen
Hauptmanifestationsalter 15-19 (40% der Neuerkrankungen)
Häufigkeit der adoleszenten Anorexie ist in den letzten Jahren konstant, verschiebt sich aber in jüngere Altersgruppen (8-9Jahre)
Mädchen: Knapen = 10:1
va. in Risikogruppen (Tänzerinnen, Models, Leistungssport), westliche Industrieländer, häufiger in Schichten mit höherem Bildungsniveau

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Anorexie - Einteilung

Einteilung: Gewichtsreduktion durch:
Einschränkung der Ernährung —> restriktive Form der Anorexie
Selbstinduziertes Erbrechen, Einnahme von Medikamente —> bulimische Form der Anorexie

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Anorexie - Verhaltung

auffälliges Essverhalten
Ungewöhnlicher Umgang mit Nahrungsmitteln —> meidet bestimmte Nahrungsmittel und isst sehr selektiv
spezielles Essverhalten —> meidet gemeinsames Essen in der Öffentlichkeit, kocht für andere ohne selber zu essen, Einschränkung der Kalorienzahl (bis auf 100-200kcal/d)
Zwanghafte Essrituale —> extremes Zerkleinern der Nahrung, sehr langsames essen und langes kauen
unbezwingbarer Drang, abzunehmen —> Diäten, übermässige sportliche Aktivität, Laxantien, Erbrechen
unstillbarer Bewegungsdrang (willentlich schlecht beeinflussbar)
Stimmungsschwankungen, sozialer Rückzug

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Anorexie - Denken und Überzeugungen

unerschütterliche Überzeugung, zu dick oder fett zu sein, auch bei nachgewiesenem Untergewicht —> Körperschemastörung
unbezwingbarer Drang abzunehmen, gedankliches Fixieren auf Nahrungsaufnahme, Kalorien, Gewicht
panische Angst vor Gewichtszunahme, welche durch Gewichtsverlust nicht gemindert wird —> Gewichtsphobie
irrationale Vorstellungen, dass bereits geringste Nahrungsmengen zu einer unkontrollierten Gewichtszunahme führen
Verleugnung des Untergewichts und der damit einhergehenden körperlichen Gefahren —> fehlende Krankheitseinsicht

—> Eine Selbstbewertung als “zu dick” ist auch bei gesunden Jugendlichen häufig, es wird dann problematisch, wenn diese Gedanken grossen Raum einnehmen, die Betroffenen keine kritische Distanz dazu einnehmen können und diese Gedanken das Selbstwertgefühl erheblich vermindern oder dysfunktionales Verhalten auslösen / unterhalten

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Anorexie - somatische Befunde

primär: selbstinduziertes Untergewicht —> Sparschaltung des Körpers
sekundär: somatische Komplikationen —> Beispiele
Allgemein: trockene, schuppende Haut, spröde Haare, Obstipation, Dehydratation, Hypothermie, Pseudoatrophie des Gehirns
Kardiovaskulär: Bradykardie, Akrozyanose
Endokrinologisch: sekundäre Amenorrhö, Low T3-Syndrom
sind im Falle einer Gewichtsrestitution reversibel —> die Wiederherstellung eines normalen Körpergewichts ist die Basis einer langfristigen somatischen Erholung

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Anorexie - Ätiologie prädisposierend

prädisponierende Faktoren: biologische, sozio-kulturelle, familiäre und individuelle Faktoren
Krankheitsverständnis

Familie: ist nicht Ursache, schafft aber einen geeigneten Nährboden, auf welcher sich eine Anorexie entwickeln kann
äusserlich intakte, harmonische, überbehütende Familie, die über keine bewährte Streit- und Konfliktkultur verfügt
starker Zusammenhalt, hohe Normorientierung mit wenig Raum für Individualität oder Unterstützung, anders zu sein als die anderen in der Familie
starke Betonung der Leistung als Grund für Wertschätzung

Jugendliche: gespaltene Persönlichkeit
aussen: gut funktionierend —> angepasst, leistungsorientiert, intelligent, kompetent
innen: Chaos —> selbstunsicher, Gefühl von Unzulänglichkeit, unrealistisch hohe Erwartungen, eigene Gefühle werden schlecht wahrgenommen, dysfunktionale Gedanken zu Gewicht und Figur, Perfektionismus, hohes Kontrollbedürfnis, alles-oder-nichts-Denken

Gesellschaft: Soziokulturelle Einstellungen und Erwartungen —> Schönheitsideal = extremes Schlankheitsideal —> Unzufriedenheit (fast 70% der Jugendlichen möchten ihr Gewicht reduzieren)
Die Unzufriedenheit kann zur Durchführung von Diäten führen —> sind noch keine Essstörung, aber ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörun

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Anorexie - Ätiologie auslösend

auslösende Faktoren, die zur Manifestation der Krankheit führen
Kritische Lebensereignisse (Pubertät, neue Anforderungen, Trennungserlebnisse)
Kritische Bemerkungen / Hänseleien über Figur und Gewicht Übergewicht
Diäthalten, Krankheiten, Trauma
—> Bewältigungsanforderungen, denen man sich nicht gewachsen fühlt

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Anorexie - Ätiologie aufrechterhaltung

aufrechterhaltende Faktoren: Krankheit bleibt bestehen, auch wenn die Bedingungen, die zur Entstehung geführt haben, nicht mehr wirksam sind
gezügeltes Essverhalten, fehlende Bewältigungsfertigkeiten
Selbstaufwertung durch Schlankheit
Ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, familiäre Interaktion
Essen als Strategie zur Emotionsregulation
weiterbestehende dysfunktionale Denkmuster
Zuwendung / Aufmerksamkeit durch Krankheit

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Bulimie - Epidemiologi

Epidemiologie
1.5-5% der 15-30jährigen Mädchen/Frauen
Erkrankungsgipfel zwischen 20-24 Jahren, bereits ab 12 Jahren
Grosse Dunkelziffer, da die Erkrankung oft verheimlicht wird, Gewicht ist oft normal bis normal-niedrig
Mädchen : Knaben —> 6-10:1

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Bulimie - Einteilung

Einteilung
Bulimie vom purging Typ: Kompensationsverhalten mit selbstinduziertem Erbrechen oder Gebrauch von Laxantien und Diuretika
Bulimie vom non-purging Typ: Essanfälle werden durch strenges Fasten oder exzessiver körperlicher Bewegung ausgeglichen

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Bulimie - Kernsymptome

Wiederkehrende (1-2mal wöchentlich während mindestens 3 Monaten) Heisshungerattacken mit Kontrollverlust und Aufnahme grosser Nahrungsmenge in kurzer Zeit (meist hochkalorische Nahrung)
aus Angst zu dick zu werden Versuch der Gegensteuerung durch zB. selbstinduziertes Erbrechen, Fasten, Medikamente, selten extensiver Sport
nach Essattacken Schuldgefühle und Selbstvorwürfe
Andauernde Beschäftigung mit dem Essen
häufig vorangegangene Episode der Anorexia nervosa

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Bulimie - Essanfall

Auslöser: Situative Faktoren, negative Emotionen (zur Verbesserung der Stimmung), Stress (reduziert kurzfristig inneren Druck)
pro Essanfall 3’000 - 4’500 kcal und mehr, oft hochkalorische und fetthaltige Nahrungsmittel
wöchentlich bis mehrmals täglich, meist heimlich, sehr schnelles Essen, Kontrollverlust
Beendigung des Essanfalls aufgrund von Bauchschmerzen, Angst entdeckt zu werden

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Bulimie - körperliche Symptome

Durch das Erbrechen Kalium und Chloridverlust
Metabolische Störung: Elektrolyt- und Säure-Base-Störung
Herzrhythmusstörungen
GIT: Refluxösophagitis, Pankreatitis, Obstipation durch Missbrauch von Abführmitteln
Allgemein: Zahnschäden, Menstruationsstörungen, Parotisschwellung

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Bulimie - Verhalten

je häufiger die Essattacken auftreten, umso häufiger sind somatische Folgestörungen
zu Beginn va. bei Stress oder emotionaler Belastung, im Verlauf verselbstständigen sie sich und werden regelhaft in den Tagesablauf eingeplant

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Gemainsamkeiten Anorexie und Bulimie

Gemeinsamkeiten Anorexie und Bulimie
Ausgeprägte Angst vor dem Dickwerden
Krankhafte, übermässige Beschäftigung mit Nahrung, Gewicht, Kalorien und der Figur
Selbstwert hängt stark von der Wahrnehmung des eigenen Körpers ab
Alltag wird durch Gewichtskontrolle- und auffällige Esspraktiken bestimmt

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Diagnose Essstörung

Diagnose
Kenntnis des Krankheitsbildes
spezifische Anamnese und spezifische Fragen zum (Ess)verhalten
Screeningfragen zu Essverhalten, Selbstbild, Gewicht —> gibt Fragebogen mit Punktescores
nach Zeichen einer Essstörung muss aktiv gesucht und aktiv danach gefragt werden
Anamnese mit der Familie / Dritten
körperliche Untersuchung und Basislabor —> kommen oft nur wegen den körperlichen Symptomen zum Arzt

Differentialdiagnose
medizinische Erkrankungen mit Gewichtsverlust / Erbrechen
onkologisch, endokrinologisch, Maldigestion, Malabsorption, funktionelle GIT-Störung
psychiatrische Erkrankungen mit Gewichtsverlust / Erbrechen
Schizophrenie, Depression, Angst- und Zwangserkrankung, psychogenes Erbrechen, Belaststörung

Psychiatrische Komorbidität
essgestörte Patienten leiden 70-80% der Fälle an zusätzlichen psychiatrischen Symptomen

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Therapie Essstörungen

Psychotherapie ist die Methode der Wahl
muss unter Einbezug der Familie erfolgen, eine alleinige Behandlung ist meist nicht erfolgreich
Behandlungsziele
Behandlung somatischer Folgeerscheinungen
Verbesserung des Essverhaltens und Gewichtszunahme
Korrektur dysfunktionaler Einstellung und Gedanken bzgl. Figur und Gewicht
Behandlung der Körperschemastörung und Gewichstphobie
Behandlung komorbider psychiatrischer Erkrankungen
Rückfallprophylaxe

bei Bulimie reduzieren Antidepressiva Heissungerattacken mit Kontrollverlust und selbstinduziertes Erbrechen sowie Angst und Depressivität —> Aber es sind höhere Dosen notwendig, als in der Behandlung einer Depression

erste Interventionen
Information zur Diagnose, auch gegenüber den Eltern
einfädeln regelmässiger somatischer Kontrollen
kein Zeitverlust durch somatische Abklärungen
Versuch den Gewichtsverlust zu stoppen
unverzügliches Einleiten einer Psychotherapie

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Verlauf - Anorexie

bei jüngeren Patienten ist die Prognose deutlich besser als bei Erwachsenen
Erwachsene 50% Heilung, bei Jugendlichen 70-80%
40% weiterbestehende psychiatrische Probleme (—> Depression und Essstörung)
Mortalität 5.9%
Verlauf umso besser, je kürzer die Zeit zwischen Erkrakungsbeginn und Behandlungsbeginn, je höher das Gewicht bei Eintritt und je geringer die vorbestehene psychiatrische Auffälligkeit

21

Verlauf - Bulimie

ca. 80% der Patientinnen kommen nie in eine Therapie
bis 70% vollständige Heilung (nach mehreren Jahren)
selten Übergang in Anorexie
weiterbestehende psychiatrische Störung: 25% affektive Störung, 15% Suchterkrankung
Verlauf umso ungünstiger: je früher die Erkankung beginnt, je höher die Frequenz des Erbrechens, je später professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird