Was ist eine Pfadabhängigkeit?
• Pfadabhängigkeit bezeichnet einen vergangenheitsdeterminierten Prozess relativ kontinuierlicher bzw. inkrementeller (Prozess der kleinen Schritte) Entwicklungen.
• Das Konzept der Pfadabhängigkeit betont die Historizität von Ereignissen: Vergangene Ereignisse haben Einfluss auf folgende.
• Institutionen sind in der Regel pfadabhängig und sie stellen Entscheidungen aus der Vergangenheit auf Dauer.
• Pfadabhängigkeiten können überwunden werden, aber dieser Prozess ist meistens langwierig.
Drei Pfadabhängigkeiten des politischen System Deutschlands
• Lehren aus dem faschistischen Zivilisationsbruch
• Siegeszug des (rheinischen) Kapitalismus
• Die Beharrlichkeit des Patriarchats
Inwiefern ist die Lehre des faschistischen Zivilbruch eine Pfadabhängigkeit? (8)
Nie wieder Faschismus: Institutionen des GG
- Sehr starke Machteinhegung und ‐kontrolle
- Materieller Rechtsstaat und Grundrechtebindung
- Sehr starkes Bundesverfassungsgericht
- Etablierung einer wehrhaften Demokratie
- Starker Exekutivföderalismus
- Spezifische Ausgestaltung des parlamentarischen Regierungssystems
- Widerstandsrecht und fehlender Ausnahmezustand
- Europäische Integration
Materieller Rechtsstaat und Grundrechtebindung
Sehr starkes Bundesverfassungsgericht
Etablierung einer wehrhaften Demokratie
„Handlungen, die darauf zielen, die freiheitliche demokratische Grundordnung aggressiv und planvoll funktionsunfähig zu machen, um sie letztlich zu beseitigen, sind verfassungswidrig.“
(BVerfG, Urteil vom 17. August 1956, Az. 1 BvB 2/51)
„Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten.“
(Art. 9 II GG)
Starker Exekutivföderalismus
Ausgestaltung des parlamentarischen Regierungssystems
Nicht in GG, aber in Wahlordnung
- Sperrklausel (5%‐Hürde)
- Personalisierte Verhältniswahl
Informelle Institutionen der Machtbeschränkung
Subsidiarität:
Subsidiarität in der Praxis:
- Landkreise und Kommunen haben viele Kompetenzen
- negativ: Beschränkung des Staates (Städte teilweise pleite)
Neokorporatismus
- Neo‐)Korporatismus bezeichnet ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis von Akteuren der Interessenvermittlung (Gewerkschaften, Arbeitgeber, Verbände, Kirchen etc.) mit dem Staat, das nicht durch Konkurrenz‐, sondern durch Aushandlungsmechanismen geprägt ist.
- DE ist ein Verbändestaat
- Gesellschaftliche Großakteure werden mit in die Umsetzung politischer Entscheidungen eingebunden
Korporatismus in Praxis:
- Wohlfahrtsstaat: Ausüben nicht in Händen des Staats, sondern nichtstaatliche Interessensverbände/Organisationen - führt zur Machtverteilung
Kapitalismus
• Produktionsmittel befinden sich in Privateigentum
• Produktion und Konsum werden über den Markt geregelt
• Lohnarbeit und Ausbeutung
• Anhäufung/Akkumulation des Kapitals
Siegeszug des rheinischen Kapitalismus als Pfadabhängigkeit?
Kapitalismus in Deutschland
• Entstehung im 19. Jahrhundert im Geleitzug von Industrialisierung und Urbanisierung.
• „Versöhnung“ von Arbeit und Kapital durch den modernen Wohlfahrtsstaat.
• Ausgeprägter Etatismus (Staat hat überragende Bedeutung im wirtschaftlichen und sozialen Leben)
• „Schonung“ des Kapitals nach dem Zweiten Weltkrieg.
• Wirtschaftsmodell wird durch das Grundgesetz nicht festgelegt.
• EU‐Integration macht Abkehr vom Kapitalismus allerdings nahezu unmöglich.
Der deutsche Wohlfahrtsstaat
• Finanzierung durch ein Umlagesystem (und zunehmend Steuern) (viel einzahlen= viel bekommen)
• Aufrechterhaltung der Statusunterschiede (z.B. privat und gesetzlich versicherte)
• Geringe Umverteilung
• Familie als zentrale Instanz (Subsidiarität)
• Relativ großzügige Sozialleistungen
• Orientierung an (ununterbrochener)Erwerbsarbei
• Otto von Bismarck Sozialstaat in DE
Soziale Marktwirtschaft
• Stärkere Marktregulierung, aber keine Planwirtschaft
• Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften
• Vergleichsweise umfangreiche soziale Sicherungssysteme
• Duale Berufsausbildung
• Von Ludwig Erhardt etabliert (2.dt. Kanzler)
Rheinischer Kapitalismus: Kapitalismus mit Sozialstaat und Korporatismus
Magisches Viereck der Wirtschaftspolitik
1. hoher Beschäftigungsstand
2. stabiles Preisniveau
3. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht
4. stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum
Bedingen sich, lassen sich gemeinsam verwirklichen:
2&3, 1&4
Stehen in Konkurrenz zueinander:
1&2, 2&4, 4&3, 3&1
Was ist ein Patriarchat?
Auswirkungen der Institution Patriarchat
• Unterrepräsentanz von Frauen in Parlament und in Führungspositionen des öffentlichen Dienstes.
• Schlechterbezahlung „weiblich“ gelesener Arbeit.
• Förderung des Male Breadwinner Models.
• Konstruktion von Frauen als weniger leistungsfähig, einfühlsamer, emotionaler etc.
• Selbstzuschreibung von Geschlechterrollen.
• Bevorzugung „männlicher“ Politik
Die formellen und informellen Institutionen des deutschen politischen Systems sind stark von historischen Weichenstellungen geprägt.
• Institutionen wandeln sich, Institutionenwandel ist jedoch in der Regel schwerfällig und langwierig.
• Viele dieser Weichenstellungen haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert (Beginn der Modernisierung).
• Zahlreiche Institutionen lassen sich mit den Folgen des Nationalsozialismus erklären.